Der „moralische Triathlon“: 2te Etappe
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  • 24.05 Donaurieden – Ulm (Donau – ca. 23 km)

    Geschrieben am Juni 17th, 2009 Heinz 1 Kommentar
    24.05 Donaurieden – Ulm
    Donau – ca. 23 km
    Als wir in Tübingen etwas verspätet starten, bin ich zuversichtlicher: die BUND-Gruppe Ulm hat sich bereits im Vorfeld umtriebig gezeigt und unser Angebot, auf die schlimme Situation an der Donau aufmerksam zu machen, dankbar angenommen. Außerdem hat kein Geringerer als Stoppok als künstlerischer Gast für heute zugesagt. Ums Konzert brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen. Als wir ankommen, sind bereits eine Menge Umweltschützer vor Ort, die uns helfen, das Begleitkanu in den parallel zur Donau fließenden Kanal zu setzen, für den ich mich entscheide, weil er deutlich mehr Wasser führt, als die Originaldonau. Kurzes Pressefoto mit allen – und dann ab dafür! Eine kühle, ruhige Strömung erfasst mich und wenig später schwimme ich durch einen idyllischen, aufgestauten Flussbereich. Mir zur Seite diesmal: Claudio und Linn und die Sonne, die in einem herrlichen blauen Himmel steht. Das Einzige, was mich von Anfang an bekümmert: mir wird nicht warm, selbst dann nicht, als ich das Tempo anziehe und eigentlich zu schnell starte für die lange Distanz. Eine natürliche Barriere bremst mich schon nach einigen hundert Metern aus: es entfaltet sich vor uns ein gigantisches Seerosenfeld. Gespenstisch, wie das unter Wasser wirkt: im trüben Flusswasser tauchen plötzlich die großen bleichen Seerosenblätter auf, wie riesige Greisenhände, die sich abwehrend oder neugierig zu mir strecken, mich mit flattrigem Streicheln berühren, umfassen, abbremsen, um Arme und Beine schlingen, daß ich gar nicht mehr richtig schwimmen kann, sondern mir stellenweise nichts anderes übrig bleibt, als mich ans Boot zu klammern, das sich mühevoll und vorsichtig durch die Seerosen schiebt. Nach einer Weile finden wir einen labyrinthischen Wasserpfad, dem wir folgen können und der uns schließlich aus dem Seerosenwald herausführt. Ich kann wieder frei schwimmen, aber die Kälte macht mir nach wie vor zu schaffen. Ich tröste mich damit, daß wenigstens die wundgescheuerten Stellen am Nacken nicht mehr so schmerzen wie gestern, aber nach ca. 2 Kilometern muß ich wegen einer drohenden Unterkühlung eine kurze Rast machen, um mich aufzuwärmen. Ein Völkchen Ameisen fühlt sich dadurch sehr gestört und kriecht und krabbelt mir in den Neoprenanzug und beißt in alles hinein, was Heinz Ratz sein könnte: – ich weiche auf die Rettungsinsel aus und die Pause ist nur kurz.
    Die erste offizielle Pause in Donaustetten gleich mit einer netten Überraschung: BUND-Mitglieder kommen mit einer heißen Suppe und Kaffee und Brötchen – wie auch am zweiten größeren Halt kurz vor Ulm. Ein Blick auf die Uhr zeigt, daß ich die verlorene Zeit wieder wettgemacht habe – meine Arme beschweren sich nicht, ich fühle mich fit genug, die Pause etwas abzukürzen.
    Auch das zweite Drittel der Strecke geht zügig voran: es macht wesentlich mehr Spaß in der Donau zu schwimmen, als im Neckar – Claudio und Linn haben auch Freude, wie ich beim Aufschauen sehe.
    Im letzten Dritte der Wechsel: Enno kommt für Claudio ins Boot, damit Claudio die Percussion aufbauen und den Soundcheck vorbereiten kann – und mit dem Wechsel auch bald der Iller-Zustrom und mit der Iller wird alles anders!! – Mit 9 Grad kaltem Alpen-Schmelzwasser und einer reißenden Strömung mündet die Iller in der Donau ein: aber was sich hinter dem Begriff „Münden“ so alles verbirgt, das ist nicht etwa mit dem Hineinfließen getan: das ist ein kilometerlanger Kampf um die Vorherrschaft – da wird der zufällig im Wasser befindliche Schwimmer hin und her gerissen, das ist wie ein unerbittlicher Streit zwischen zwei leidenschaftlichen Frauen um einen Mann ( – so phantasiere ich, um meinen müden Körper aufzubauen und schön selbstbewusst zu machen) – und die Iller verändert den Charakter der Donau entscheidend – als sei sie erwacht, als besinne sie sich, auch ein wilder Fluss zu sein, als erinnere sie sich ihrer Schwarzwaldfinsternisse – rast sie nun breit auf Ulm zu – Linn und Enno haben alle Hände voll zu tun, das Boot zu steuern, alle Naslang geben sie mir Gefahrenzeichen – ein Bootanlegesteg saust auf uns zu – es gelingt mir im letzten Moment, ihn seitlich zu umschwimmen, umgestürzte Baumstämme, die ihre Äste wie Fangarme ausbreiten – die Geschwindigkeit des Wassers ist berauschend. Als wir die erste Ulmer Brücke in Sichtweite haben, sehen wir von Weitem schon größere Stromschnellen – überall – eine blitzschnelle Entscheidung muß getroffen werden . wir lenken nach links – Linn bemerkt einen großen Strudel am Brückenpfeiler, die Donau legt noch mal zu – die Stromschnellen greifen nach mir, ich schaffe es so eben noch, mich an die Rettungsinsel zu klammern – da reißt mich das Wasser schon in eine andere Richtung – ich muß loslassen, aber wir sind schon darüberweg – links nehmen wir die winkende BUND-Gruppe wahr, die eine Landung wünscht, bei diesem Tempo unmöglich. Wir versuchen es dennoch, da taucht vor uns ein größeres Touristenboot auf, das nicht ausweicht: wir haben keine andere Möglichkeit, müssen zurück in die Flussmitte – und werden an der geplanten Anlegestelle vorbeigespült. Die BUND-Gruppe versucht mitzulaufen, aber die Donau ist zu schnell – nur die Fahrradfahrer halten mit. Ich sehe wie ein Mädchen sich die Kleider vom Leibe reißt und im Bikini in das eisige Wasser springt, rufe Enno und Linn zu, bei ihr zu bleiben und schwimme ohne Begleitboot die restlichen drei Kilometer zum Ulmer Zelt. Als ich dort ankomme, habe ich 23 km in den Knochen. Ich kann mich im Zelt kurz umziehen, werde aufgefordert, eine Rede zu halten – aber da nur Zufallspublikum da ist, verzichte ich. Außerdem wird oben im Club sicher schon viel los sein, denke ich. Claudio holt uns ab, wir treffen Stoppok, der mit seiner Frau angereist ist und ich sehe mir den Club an, eine alte Bunkeranlage. Eine ungute Vorahnung kommt in mir auf, aber ich tue sie zunächst als „Unmöglich“ ab – Claudio bemerkt, daß sein Wagen Öl verliert, wir machen Soundcheck, essen im leider sehr vermüllten Bunkergarten eine bestellte Pizza und unterhalten uns sehr nett, während die Vorahnung wieder drängelt und sich plötzlich klar ins Bewusstsein schiebt: es wir keiner kommen! Wie kann das sein? – bei einem regulären Strom&Wasser-Konzert hätte ich ja schon mit mind. 100 Zuschauern gerechnet, von den immer ausverkauften Konzerten Stoppoks erst gar nicht zu sprechen. Doch wie in Tübingen auch: keiner scheint zu wissen, daß wir da sind! 20 Zuschauer kommen – und wir stehen vor einem Rätsel!
    Als wir gegen 2 Uhr 30 in den Hotelbetten liegen und den Wecker auf 6 Uhr stellen, ahnen wir, was uns im Folgenden am meisten Kraft kosten wird: es ist die Atemlosigkeit der Tage, weil mit viel zu wenig Schlaf viel zu früh gestartet wird und durch Anfahrt, Transport, Schwimmen, Begleitboot, Interviews, Ankunft, Soundcheck, Konzert, Abbau, Gespräche, Schlafplatzsuche keine Pause zu finden ist, um Atem zu schöpfen.
    Meine Hauptsorge gilt aber meiner Gesundheit: das Eiswasser der Iller war dann doch zu kalt für meine Bronchen: ein bellendes Husten schüttelt mich. Linn, die noch bei mir duscht, findet mich schlafend, halb zugedeckt: das Handy in der Hand, die mailbox gerade abgehört, die fröhlichen Stimmen meiner Kinder und die sanfte Nachricht meiner Freundin im Herzen. Ein anstrengender Tag, der uns – weil wir kein Hotel finden konnten, das uns Zimmer sponserte – tief in die roten Zahlen reißt.
    Gesammelte Spenden: 94.- Euro

    Als wir in Tübingen etwas verspätet starten, bin ich zuversichtlicher: die BUND-Gruppe Ulm hat sich bereits im Vorfeld umtriebig gezeigt und unser Angebot, auf die schlimme Situation an der Donau aufmerksam zu machen, dankbar angenommen. Außerdem hat kein Geringerer als Stoppok als künstlerischer Gast für heute zugesagt. Ums Konzert brauche ich mir wohl keine Sorgen zu machen. Als wir ankommen, sind bereits eine Menge Umweltschützer vor Ort, die uns helfen, das Begleitkanu in den parallel zur Donau fließenden Kanal zu setzen, für den ich mich entscheide, weil er deutlich mehr Wasser führt, als die Originaldonau. Kurzes Pressefoto mit allen – und dann ab dafür! Eine kühle, ruhige Strömung erfasst mich und wenig später schwimme ich durch einen idyllischen, aufgestauten Flussbereich. Mir zur Seite diesmal: Claudio und Linn und die Sonne, die in einem herrlichen blauen Himmel steht. Das Einzige, was mich von Anfang an bekümmert: mir wird nicht warm, selbst dann nicht, als ich das Tempo anziehe und eigentlich zu schnell starte für die lange Distanz. Eine natürliche Barriere bremst mich schon nach einigen hundert Metern aus: es entfaltet sich vor uns ein gigantisches Seerosenfeld. Gespenstisch, wie das unter Wasser wirkt: im trüben Flusswasser tauchen plötzlich die großen bleichen Seerosenblätter auf, wie riesige Greisenhände, die sich abwehrend oder neugierig zu mir strecken, mich mit flattrigem Streicheln berühren, umfassen, abbremsen, um Arme und Beine schlingen, daß ich gar nicht mehr richtig schwimmen kann, sondern mir stellenweise nichts anderes übrig bleibt, als mich ans Boot zu klammern, das sich mühevoll und vorsichtig durch die Seerosen schiebt. Nach einer Weile finden wir einen labyrinthischen Wasserpfad, dem wir folgen können und der uns schließlich aus dem Seerosenwald herausführt. Ich kann wieder frei schwimmen, aber die Kälte macht mir nach wie vor zu schaffen. Ich tröste mich damit, daß wenigstens die wundgescheuerten Stellen am Nacken nicht mehr so schmerzen wie gestern, aber nach ca. 2 Kilometern muß ich wegen einer drohenden Unterkühlung eine kurze Rast machen, um mich aufzuwärmen. Ein Völkchen Ameisen fühlt sich dadurch sehr gestört und kriecht und krabbelt mir in den Neoprenanzug und beißt in alles hinein, was Heinz Ratz sein könnte: – ich weiche auf die Rettungsinsel aus und die Pause ist nur kurz.

    Die erste offizielle Pause in Donaustetten gleich mit einer netten Überraschung: BUND-Mitglieder kommen mit einer heißen Suppe und Kaffee und Brötchen – wie auch am zweiten größeren Halt kurz vor Ulm. Ein Blick auf die Uhr zeigt, daß ich die verlorene Zeit wieder wettgemacht habe – meine Arme beschweren sich nicht, ich fühle mich fit genug, die Pause etwas abzukürzen.

    Auch das zweite Drittel der Strecke geht zügig voran: es macht wesentlich mehr Spaß in der Donau zu schwimmen, als im Neckar – Claudio und Linn haben auch Freude, wie ich beim Aufschauen sehe.

    Im letzten Dritte der Wechsel: Enno kommt für Claudio ins Boot, damit Claudio die Percussion aufbauen und den Soundcheck vorbereiten kann – und mit dem Wechsel auch bald der Iller-Zustrom und mit der Iller wird alles anders!! – Mit 9 Grad kaltem Alpen-Schmelzwasser und einer reißenden Strömung mündet die Iller in der Donau ein: aber was sich hinter dem Begriff „Münden“ so alles verbirgt, das ist nicht etwa mit dem Hineinfließen getan: das ist ein kilometerlanger Kampf um die Vorherrschaft – da wird der zufällig im Wasser befindliche Schwimmer hin und her gerissen, das ist wie ein unerbittlicher Streit zwischen zwei leidenschaftlichen Frauen um einen Mann ( – so phantasiere ich, um meinen müden Körper aufzubauen und schön selbstbewusst zu machen) – und die Iller verändert den Charakter der Donau entscheidend – als sei sie erwacht, als besinne sie sich, auch ein wilder Fluss zu sein, als erinnere sie sich ihrer Schwarzwaldfinsternisse – rast sie nun breit auf Ulm zu – Linn und Enno haben alle Hände voll zu tun, das Boot zu steuern, alle Naslang geben sie mir Gefahrenzeichen – ein Bootanlegesteg saust auf uns zu – es gelingt mir im letzten Moment, ihn seitlich zu umschwimmen, umgestürzte Baumstämme, die ihre Äste wie Fangarme ausbreiten – die Geschwindigkeit des Wassers ist berauschend. Als wir die erste Ulmer Brücke in Sichtweite haben, sehen wir von Weitem schon größere Stromschnellen – überall – eine blitzschnelle Entscheidung muß getroffen werden . wir lenken nach links – Linn bemerkt einen großen Strudel am Brückenpfeiler, die Donau legt noch mal zu – die Stromschnellen greifen nach mir, ich schaffe es so eben noch, mich an die Rettungsinsel zu klammern – da reißt mich das Wasser schon in eine andere Richtung – ich muß loslassen, aber wir sind schon darüberweg – links nehmen wir die winkende BUND-Gruppe wahr, die eine Landung wünscht, bei diesem Tempo unmöglich. Wir versuchen es dennoch, da taucht vor uns ein größeres Touristenboot auf, das nicht ausweicht: wir haben keine andere Möglichkeit, müssen zurück in die Flussmitte – und werden an der geplanten Anlegestelle vorbeigespült. Die BUND-Gruppe versucht mitzulaufen, aber die Donau ist zu schnell – nur die Fahrradfahrer halten mit. Ich sehe wie ein Mädchen sich die Kleider vom Leibe reißt und im Bikini in das eisige Wasser springt, rufe Enno und Linn zu, bei ihr zu bleiben und schwimme ohne Begleitboot die restlichen drei Kilometer zum Ulmer Zelt. Als ich dort ankomme, habe ich 23 km in den Knochen. Ich kann mich im Zelt kurz umziehen, werde aufgefordert, eine Rede zu halten – aber da nur Zufallspublikum da ist, verzichte ich. Außerdem wird oben im Club sicher schon viel los sein, denke ich. Claudio holt uns ab, wir treffen Stoppok, der mit seiner Frau angereist ist und ich sehe mir den Club an, eine alte Bunkeranlage. Eine ungute Vorahnung kommt in mir auf, aber ich tue sie zunächst als „Unmöglich“ ab – Claudio bemerkt, daß sein Wagen Öl verliert, wir machen Soundcheck, essen im leider sehr vermüllten Bunkergarten eine bestellte Pizza und unterhalten uns sehr nett, während die Vorahnung wieder drängelt und sich plötzlich klar ins Bewusstsein schiebt: es wir keiner kommen! Wie kann das sein? – bei einem regulären Strom&Wasser-Konzert hätte ich ja schon mit mind. 100 Zuschauern gerechnet, von den immer ausverkauften Konzerten Stoppoks erst gar nicht zu sprechen. Doch wie in Tübingen auch: keiner scheint zu wissen, daß wir da sind! 20 Zuschauer kommen – und wir stehen vor einem Rätsel!

    Als wir gegen 2 Uhr 30 in den Hotelbetten liegen und den Wecker auf 6 Uhr stellen, ahnen wir, was uns im Folgenden am meisten Kraft kosten wird: es ist die Atemlosigkeit der Tage, weil mit viel zu wenig Schlaf viel zu früh gestartet wird und durch Anfahrt, Transport, Schwimmen, Begleitboot, Interviews, Ankunft, Soundcheck, Konzert, Abbau, Gespräche, Schlafplatzsuche keine Pause zu finden ist, um Atem zu schöpfen.

    Meine Hauptsorge gilt aber meiner Gesundheit: das Eiswasser der Iller war dann doch zu kalt für meine Bronchen: ein bellendes Husten schüttelt mich. Linn, die noch bei mir duscht, findet mich schlafend, halb zugedeckt: das Handy in der Hand, die mailbox gerade abgehört, die fröhlichen Stimmen meiner Kinder und die sanfte Nachricht meiner Freundin im Herzen. Ein anstrengender Tag, der uns – weil wir kein Hotel finden konnten, das uns Zimmer sponserte – tief in die roten Zahlen reißt.

    Gesammelte Spenden: 94.- Euro

  • Fotos aus Saarbrücken

    Geschrieben am Juni 4th, 2009 dobschat Keine Kommentare

    Das Tourtagebuch von Heinz Ratz folgt noch, aber bei venue music gibt es schon mal Fotos vom Auftritt in der Sparte4 in Saarbrücken zu sehen.

  • 23.05 Nierdernau – Tübingen (20 km) Neckar

    Geschrieben am Juni 2nd, 2009 Heinz 1 Kommentar
    Foto: Claudio Spieler

    Foto: Claudio Spieler

    In die Umarmung des Neckars – es fing leidenschaftlich an: 12 Grad und gleich eine zügige Strömung, die uns packte und munter in Richtung Tübingen schob, daß es eine Lust war! Vor mir das Begleitboot mit Enno und Linn, an meiner Seite Daria aus Freiburg, die eine Strecke mitschwimmen will, um einen kleinen Bericht über das Flussprojekt zu schreiben. Ich jubelte insgeheim – mit dieser Strömung als Beigabe ließ sich zumindest die Stunde Verspätung wieder gutmachen, die wir mit all den Auf- und Umladen des Kanus und der Einstiegsplatzsuche verloren hatten – aber nach 500 m staute sich leider das Wasser auf und offenbarte eine traurige Ahnung, die sich in den folgenden Stunden bestätigen sollte: von den 20 km Schwimmstrecke fließt der Neckar gerade mal wenige hundert Meter frei – ansonsten ist er überall aufgestaut. Das erste, sehr zweifelhafte Abenteuerchen gleich am ersten Wehr in Rottenburg. Wir versuchten erst links zu landen – und prompt bleibe ich bis zur Hälfte im Schlamm der Rottenburger Klärkloake stecken. Und während ich versuche, mich zu befreien und durch mein Gezappel einen höllischen Gestank um mich herum verbreite, nutze ich den Anlaß für allerlei philosophische Betrachtungen über den Urzustand des Neckars, der einst als heimlicher Schwarzwaldkönig in schönen Schlangenwindungen sein klares, wildes Wasser … naja – vielleicht in tausend Jahren wieder!

    Foto: Claudio Spieler

    Foto: Claudio Spieler

    Schließlich komme ich doch los, überquere den Fluß und helfe beim ersten Bootsumtragen. Ennos selbst zusammengeschweißter Hilfswagen biegt sich unter der Last und verweigert die Hilfe – es kostet uns fast eine halbe Stunde und die Warnung eines Neckarkundigen: das war noch gar nichts! Ich freue mich auf zweihundert Meter frei fließenden Fluß, habe aber das Problem, im braunen Wasser nur 10 cm tief blicken zu können und mache ein paar schmerzhafte Bekanntschaften mit großen Steinbrocken. Dann wieder Stein, Begradigung, mühsame Schwimmstrecke. Daria sitzt mittlerweile völlig unterkühlt im Kanu – ich kraule ein paar Kilometer – Wehr! – umtragen – aufgestaut – Wehr! – umtragen! – aufgestaut! – Wehr! – umtragen – Kraftwerk! “Lebensgefahr!” steht im Kanuführer, aber es ist halb so wild, wenn man sich an die Anweisungen hält. Dieses ewige Reinraus ist sehr ermüdend, vorallem, weil es keine wirklichen Ein- und Ausstiegsstellen gibt, sondern wir immer über Stock und Stein und Zaun und Mauer das schwere Kanu schleppen müssen – zudem die Sonne, die mich draußen im Neoprenanzug grillt und dann das 12 Grad kalte Wasser – eine Kneipkur vom feinsten, aber wegen der leichten Erkältung mit der ich gestartet bin, vielleicht doch etwas übertrieben. Im zweiten Drittel begleitet uns ein streitlustiger Schwan und Linn und Enno haben alle Hände voll zu tun, mich von ihm abzuschotten, obgleich ich mir nicht vorstellen kann, daß er gleich loshacken wird – dafür ist mein Schwimmstil doch eine Nummer zu nilpferdhaft.

    Foto: Claudio Spieler

    Foto: Claudio Spieler

    Die Einfahrt in Tübingen ist äußerst merkwürdig: ein Stocherkahn kommt uns entgegen mit einer finster blickenden Burschenschaft – leider zu weit entfernt, um sie naß zu machen – ein weiterer Stocherkahn mit Touristen, ein dritter, vierter, fünfter – Tretbötchen, Kanus – ich bekomme durchs Kraulen ja nur die Hälfte mit, aber ich bemerke, wie das Lächeln aus Ennos und Linns Gesichter schmilzt – und ich spüre das unfreundliche Mißtrauen, das uns entgegenschlägt. Als wir wie verabredet an der Neckarbrücke ankommen, empfängt uns die Vorsitzende des BUND Tübingen, bedauernd, daß die Gruppe zu klein und zu beschäftigt für einen größeren Empfang sei. Presse ist nicht gekommen. Kommt auch abends nicht aufs Konzert. Auch niemand vom BUND. Auch sonst niemand. Ganze 8 Zuschauer verlieren sich in den Räumen des Sudhauses. Daß der in Schwaben bekannte Liedermacher Thomas Felder unser Gast ist, stand weder in der Presse noch auf den Plakaten. Immerhin: die Schwäbische Zeitung hat am Vortag eine kleine Ankündigung gebracht, Götz Widmann hat es vor Kurzem auf einem seiner Tübinger Konzerte durchgegeben, im Sudhaus-Programmheft ist es angekündigt: daß keiner es gewußt hätte, dient nicht als Erklärung.

    Foto: Claudio Spieler

    Foto: Claudio Spieler

    Vielleicht ist es tatsächlich so, wie es der Tübinger Bürgermeister in seiner Absage für eine finanzielle Unterstützung des Projekts formulierte: die Stadt Tübingen finanziere bereits zahlreiche Umweltprojekte, es werde bereits sehr viel gemacht! – Wo sehr viel gemacht wird, gibt es vielleicht keinen Grund, noch mehr zu tun – aber wenn ich an den armen Neckar denke, dann fällt es mir sehr schwer, das zu glauben.
    Gesammelte Spenden: 55.- Euro

    Fotos: Claudio Spieler

  • 20.05 Langenargen – Lindau (ca. 17 km) Bodensee

    Geschrieben am Mai 22nd, 2009 Heinz Keine Kommentare
    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Nach einer unendlichen Autofahrt aus Kiel kam ich in Lindau an, Golfhotel, das so nett war, allen Beteiligten ein Zimmer zu sponsorn, – aber es blieb wenig Zeit zur Entspannung: erst zum Club, Wagen ausladen, dann Mietwagen abgeben, dann Mark Hörstermann vom BUND treffen, alles besprechen, koordinieren, das Kanu organisieren, die Ankunft der anderen, zusätzliche Schlafplätze: die Hektik des Vorabends eben. Ganz zuletzt noch die verhängnisvolle Idee, an den Startpunkt zu fahren. Allein die Autofahrt entlang der geplanten Schwimmstrecke dauert gute zwanzig Minuten. Als wir dann am Strand stehen und weit entfernt die Lichter Lindaus sehen der erste Schreck über meinen Größenwahn, als wir dann feststellen, dass das nicht Lindau, sondern erst Nonnenhorn (der erste Stopp) ist, der weit größere Schreck. Im Hotel dann das Bewußtsein: Mensch, Heinz, Deine Maximaltrainingsstrecke lag unter 5 km – wie willst Du das überleben morgen, noch dazu mit Erkältung und völlig ermüdet. Der letzte Blick auf die Uhr um 2.30 morgens, der letzte Gedanke: ach, egal – das Leben ist Deine Freundin und der Bodensee auch – - – um 6 klingelt der Wecker mich raus.

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Um 8 Uhr großes Treffen: Claudio kommt aus Karlsruhe, der heute Kurier macht & Aufbau & Soundcheck – Enno aus Hamburg, der das Boot rudern wird, Ann aus Marburg, die uns das Boot besorgt hat und mitrudert, Linn aus Bochum, die fotografieren will und ebenfalls mitrudern muß – das Boot fast 6 m lang, das Filmteam versucht erstmal Nacktaufnahmen beim Umziehen. Ein Surfbrett sorgt allerdings für Geheimhaltung und dann ins Wasser: an den warmen Stellen 14 Grad, in den kalten Strömungen so eisig, dass mir Hände und Füße taub werden und die Kälte den Brustkorb zuschnürt: aber fröhlich drauflos! Der erste Stopp nach hundert Metern: ein Fotograf der Schwäbischen Zeitung steht bis zu den Knöcheln im Mündungsschlamm des Argen. Also wieder zurück – Fotos gemacht, los geschwommen, erst Brustschwimmen, um überhaupt mal zu realisieren: ab jetzt, lieber Heinz, bist Du nicht mehr Wander-, sondern Wasserratte. Plötzlich zwei Kajaks: und drei bekannte Gesichter – die Lindauer, die mich schon eine Etappe beim “Lauf gegen die Kälte” begleitet hatten, starten auch hier mit uns! Wow! Danke! Nach einem Kilometer beginne ich zu kraulen, muß aber ständig unterbrechen, weil das Treibholz so dicht ist, daß ich mich kraulend darin verfange. Treibholz und Kälte: die Feinde der nächsten 16 Kilometer. Die Stille unter Wasser, das meditative Hinabtauchen meiner Hände in ein trüb-türkises Nichts, das Beiboot an meiner Seite, die Lust am Wasser: die Freunde der nächsten 16 Kilometer. Ich mache zwei kurze Pausen, um zu trinken, dann der erste Halt nach drei Stunden.

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Leider ist es die falsche Stelle und nach einem Brot und einer Tasse Tee geht es gleich weiter: die BUND-Gruppe Lindau, die mit frischen Brötchen & Vitamingetränken und freudigem Applaus wartet, hat sich einundhalb Kilometer östlich aufgestellt. Dort angekommen erkenne ich, dass wir dem Zeitplan hinterherhinken. Trotz einer schon spürbaren Müdigkeit rasten wir nur eine halbe Stunde und ich beschließe, ein wenig schneller zu schwimmen, um die Strecke zum Lindenhofbad pünktlich zu erreichen. Angetrieben von diesem Ehrgeiz schwimme ich wesentlich zügiger als im ersten Teilbereich: wir erreichen den Lindenhofpark 15 Minuten vor der geplanten Zeit, obwohl eisige Strömungen zu zwei Oberschenkelkrämpfen geführt haben, so daß ich teilweise nur mit den Armen geschwommen bin. Wir können wirklich rasten – eine ganze Stunde. Aus der Umklammerung des Neoprenanzugs befreit, kann ich sogar ein kleines Sonnenbad nehmen. Die Oberarme und der Nacken schmerzen vor Anstrengung, aber ich weiß, dass ichs schaffen werde: 13 km liegen hinter mir, die letzten vier schaffe ich auch noch. Es gesellt sich noch eine professionelle Schwimmerin dazu, die vor acht Jahren den ganzen Bodensee durchschwommen hat: ein toller Ansporn! Natürlich bin ich viel zu langsam für sie: aber in ihrem Windschatten erreiche ich, begleitet von den Booten, den Lindauer Hafen erneut vor der geplanten Zeit und steige aus dem Wasser, noch bevor die Presse da ist. Ich bin gerade dabei meinem Herzen zu vermitteln, dass es nicht mehr 180 Schläge pro Minute machen muss, da kommt auch schon Konstantin Wecker um die Ecke, der BUND begrüßt mich, Claudio lächelt mich an und die Blitzlichter der Kameras geh’n los.

    Das Team des Club Vaudeville begrüßt uns wunderbar: ich dusche mich kurz ab, wir bauen auf, machen Soundcheck, bekommen herrlich zu essen.

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Foto: BUND/Sylvia Plaschil

    Und dann geht eigentlich auch schon das Konzert los: ca. 250 Zuschauer füllen die Halle – der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger spricht ein paar Grußworte und informiert über die Bedrohung der Flüsse und dann werden wir mit einem tosenden Applaus begrüßt, spielen fünf Lieder, dann Konstantin Wecker eine halbe Stunde solo, und ein fulminanter Übergang in die Pause, bei dem Claudio und ich ihn begleiten. Der Abend wird lang & Zugabenreich – ein toller Abschluss eines tollen Tages und nach Abzug aller entstandenen Unkosten bleiben für die bundesweiten und lokale Artenschutzprojekte 1.100.- Euro übrig!

    Ein herzlicher Dank für die Unterstützer vor Ort: Oberbürgermeisterin für 300.- Euro Zuschuß, Golfhotel Weissensberg für sechs Zimmer, Frank Schick für die Klavierstimmung.